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Die Unendlichkeit heißt das neue, nunmehr zwölfte Album von Tocotronic. Auf dem Cover funkelt ein Sternenhimmel, daran sieht man schon, dass dieses Werk von den ersten und letzten Dingen handelt. Es erzählt vom Geborenwerden, Leben und lterwerden, vom Vergehen der Zeit und von der Erinnerung an die zurückliegenden Jahre. Es kreist um das Werden und die Veränderung und auch um den Tod. Es beschäftigt sich mit der Frage, was war und was bleibt, doch es tut dies zugleich in einer sprachlichen Weise, die unmittelbar, einfach und unverstellt wirkt: Alle Songs sind aus biografischen Skizzen des Sängers Dirk von Lowtzow entstanden.

Besonders dieser Umstand hat schon vor dem Erscheinen des Werks an diesem Freitag Aufmerksamkeit und allgemeines Erstaunen erregt: Hat sich die Band, deren Songs in den vergangenen Jahren gedanklich und rhetorisch immer komplexer, immer anspielungsreicher und vielschichtiger geworden waren, aus dem von ihr selbst miterschaffenen Genre des Diskurspop verabschiedet, um fürderhin diskursfreien Pop in einfacher Sprache zu pflegen? Und wenn ja, lässt sich diese Kehre als Ausdruck eines gewandelten Zeitgeists interpretieren, der neuerdings alles, was zweifelnd, sinnierend und reflektierend erscheint, als lebens und weltfremd verdächtigt?

Das kann man sich einerseits alles fragen, andererseits ist es keine neue Entwicklung. Schon das Tocotronic’sche Frühwerk war ganz vom Prägnanten und Schlichten bestimmt, nicht nur in der Konzentration der Musiker auf sagen wir einmal elementare Möglichkeiten des Instrumentengebrauchs. Die jungen Tocotronic waren so toll und wirkmächtig, wie sie es waren, ja gerade wegen ihres Talents zur unmittelbaren Ansprache des Publikums durch prägnante Parolen: „Ich weiß nicht, warum ich euch so hasse, Fahrradfahrer dieser Stadt“; „Wir kommen, um uns zu beschweren“; „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“. Für jeden in den späten Neunzigerjahren heranwachsenden oder das Erwachsenwerden hinauszögernden Menschen hatten sie elegante Merksätze parat, in denen sich die generelle Unzufriedenheit mit dem Gesamtzustand der Dinge gleichermaßen ernsthaft pathetisch wie ironisch gebrochen manifestierte, oder anders gesagt, in denen sich das eigene Leben spiegelte.

ber den Autor

Der Musikjournalist Jens Balzer besch sich mit Tocotronic seit vielen Jahren. Zusammen mit Martin Hossbach ver er 2015 die illustrierte Bandbiografie Die Tocotronic Chroniken (Blumenbar, Berlin).

Vielleicht kann man das Tocotronic’sche Schaffen seit der Bandgründung 1993, in seinem ersten Vierteljahrhundert mithin in drei Werkphasen gliedern: in den Sturm und Drang, die klassische und die romantische Phase. Zeichnet sich die Sturm und Drang Phase durch die Verbindung von identifikatorischen Parolen und schlichtem Gitarrengeschraddel aus, verfeinern sich in der Tocotronic’schen Klassik vom „weißen Album“ aus dem Jahr 2002 bis zu Kapitulation von 2007 die musikalischen und sprachlichen Mittel allmählich; doch auch hier finden sich noch einprägsame Sätze und identifikatorische Imperative zuhauf: „Aber hier leben, nein danke“, „Mach es nicht selbst“ und „Sag alles ab“. Wenigstens Letzteres schwört sich der Verfasser dieses Textes jeden Morgen aufs Neue.

Erst in der romantischen Phase, die mit dem Album Schall und Wahn aus dem Jahr 2010 beginnt, beginnt der Eindruck einer musikalischen und rhetorischen Hyperverfeinerung das Bild zu beherrschen. Das sehen die Musiker rückblickend auch selbst so: „Nach dem vorletzten Album Wie wir leben wollen“, sagt etwa der Bassist Jan Müller im Gespräch, „hatte ich doch das Gefühl, dass wir in einen Turm der Abstraktion gestiegen waren, aus dem wir nicht mehr herauskamen. Ein Elfenbeinturm mit vielen kleinen Kämmerchen.“ Und Dirk von Lowtzow ergänzt: „Es ging uns darum, dass wir uns öffnen“ nicht umsonst habe eines der zentralen Stücke auf dem letzten, dem „roten Album“ aus dem Jahr 2015 den Titel Ich öffne mich getragen. „Wir wollten uns nicht auf Dauer im Genre des Intellektuellen oder Diskurspop einrichten“, sagt Lowtzow, darum habe er nach dem „roten Album“ viel über die bereits auf diesem enthaltenen biografischen Stücke wie Jungfernfahrt oder Date mit Dirk nachgedacht und in dieser Richtung weitergearbeitet: „Weil das Autobiografische einen Dialograum erschafft. Wenn die Songs universell genug sind, dann gibt es sofort etwas, worauf die anderen reagieren können: Ach, das kenn ich; ja, so ist es mir auch schon einmal gegangen “

Eintritt in die postromantische Phase So erzählt er nun etwa in Tapfer und grausam von frühen Kindheitserinnerungen, von einem sensiblen Knaben, den die Schroffheit der ihn umgebenden Welt in die Einsamkeit treibt. In Hey du tritt er als aufbegehrender Teenager auf, der die verächtlichen Blicke seiner Altersgenossen mit jungmaskuliner Entschiedenheit abwehrt. In Electric Guitar entdeckt er die Wonnen des Teenage Riot im Vorort Reihenhaus. In 1993 ist er als junger Erwachsener der Enge der Kleinstadt entflohen und beginnt seine Lehr und Wanderjahre in einer großen, aufregenden Metropole. In Unwiederbringlich und Bis uns das Licht vertreibt singt er von der Trauer um einen geliebten Menschen und vom Glück mit einem Menschen, der die eigene Liebe erwidert.

So könnte man Die Unendlichkeit als erstes Werk der postromantischen Phase von Tocotronic betrachten. Oder, wie Dirk von Lowtzow es selbst nennt, als popmusikalische Variante jenes „autofiktionalen“ Erzählens, das von Autoren wie Karl Ove Knausgrd in den vergangenen Jahren zum populärsten Genre der Gegenwartsliteratur emporgehievt wurde. Wobei man diese Absage ans rein Fiktionale und die Hinwendung zum subjektiven Erleben freilich nicht nur als ffnung betrachten kann. Die Selbstvergewisserung, nach der sie strebt, sucht ja auch nach dem Einverständnis eines Publikums, dem es eben auch schon einmal so gegangen ist oder das sich in den hier entworfenen Selbstbildern gern erkennt.
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